ARCHIV




BAUSTEINE SPRACHHEILPÄDAGOGISCHER FÖRDERUNG IN HESSEN


DOWNLOAD



12.01.2010
Stellungnahme der dgs Landsgruppe Hessen zum Gesetz zu dem Übereinkommen der Vereinten Nationen vom 13. Dezember 2006 über die Rechte von Menschen mit Behinderungen sowie zu dem Fakultativprotokoll vom 13. Dezember 2006 zum Übereinkommen der Vereinten Nationen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen. hier: Artikel 24 (Bildung)


Sprache ist der Schlüssel zur gesellschaftlichen Teilhabe.
Kinder und Jugendliche, die auf Grund ihrer Entwicklungs- und Lernbedingungen Sprache nicht erwartungsgemäß und altersüblich entwickeln, erwerben und einsetzen können,  werden in ihrer Persönlichkeits- und Sozialentwicklung sowie in der Ausformung und Umsetzung ihrer Lern- und Leistungsfähigkeit eingeschränkt oder behindert. Ihre gesellschaftliche Teilhabe und Partizipation wird eingeschränkt (vgl. Richtlinien für Unterricht, Erziehung und sprachheilpädagogische Förderung von Schülerinnen und Schülern mit Sprachbeeinträchtigungen, 2006).
Die dgs Hessen begrüßt die Ratifizierung der UN-Konvention zu den Rechten von Menschen mit Behinderungen durch die Bundesrepublik Deutschland, die damit zum 1. Januar 2009 Gesetzeskraft erhielt. Der Fachverband unterstützt ausdrücklich die Forderungen der Konvention für die Entwicklung zu einer inklusiven Gesellschaft, die auch für Menschen mit Sprach- und Sprechstörungen nicht exklusive und fremdbestimmte Fürsorge vorhält, sondern ein größtmögliches Maß an Selbstbestimmung und Gleichberechtigung ermöglicht.
Das in Hessen ausgebildete differenzierte System der Sprachfördermaßnahmen für Schülerinnen und Schüler mit Sprachbeeinträchtigungen stellt eine fachlich fundierte Basis für eine Weiterentwicklung der sonderpädagogischen Förderung in Richtung eines inklusiven Bildungssystems dar.
Dabei wird Inklusion als die Anpassung des Bildungssystems an die Fähigkeiten und Bedürfnisse der einzelnen Kinder verstanden und erfordert damit eine grundlegende Optimierung der Ressourcen und Rahmenbedingungen, um im Regelschulsystem die notwendige Förderung zu gewährleisten.


Sprachheilpädagogik als Teil des allgemeinen Bildungssystems


Das Bildungssystem in Deutschland muss sich auch auf die erschwerten Lern- und Entwicklungsbedingungen von Kindern mit Beeinträchtigungen in der Sprache einstellen.
Lehrkräfte mit der akademischen Qualifikation im Fach Sprachheilpädagogik unterstützen diese Kinder und Jugendlichen in einem flexiblen System auch in vorschulischen Einrichtungen und Schulen durch sprachheilpädagogisch gestalteten Unterricht und Förderung. So ermöglichen sie als integraler Bestandteil des allgemeinen Bildungssystems die chancengleiche Teilhabe an Bildung und Erziehung.
Dies ist in Hessen durch die Richtlinien für Unterricht, Erziehung und Förderung sprachbeeinträchtigter Schülerinnen und Schüler im Jahr 2006 auch schulrechtlich verbindlich formuliert worden.
Die in Hessen vorhandenen sprachheilpädagogischen Systeme der präventiven Unterstützung durch Sprachheilklassen und Sprachheilambulanzen sowie Sprachheilschulen als Sonderpädagogische Beratungs-und Förderzentren sind im Sinne der UN-Konvention keine unverhältnismäßigen und unbilligen Belastungen, sondern angemessene Vorkehrungen und notwendige und geeignete Änderungen und Anpassungen, die, wenn sie in einem bestimmten Fall erforderlich sind, gewährleisten, dass Menschen mit Behinderungen gleichberechtigt mit anderen alle Menschenrechte und Grundfreiheiten genießen oder ausüben können (vgl. Artikel 2, UN-Konvention).
Dabei handelt es sich um „wirksame individuell angepasste Unterstützungsmaßnahmen in einem Umfeld, das die bestmögliche schulische und soziale Entwicklung gestattet,..“UN_Konvention, Artikel 24, Abs.e).
Aufklärung, Beratung und fachliche Begleitung durch Sprachheillehrkräfte ermöglichen Reflexion von Sichtweisen/Haltungen der Regelschullehrkräfte und tragen dazu bei, die Bildungsbedingungen zu verändern und den Bedürfnissen der   sprachentwicklungsbeeinträchtigten und kommunikationsbeeinträchtigten Kindern  anzupassen. Der Übergang von vorschulischer Einrichtung in die Grundschule und das Gelingen des Schriftspracherwerbs müssen hierbei besonders in den Blick genommen werden.


Sprachheilschulen, Abteilungen Sprachheilschule und Gemeinsamer Unterricht beschleunigen Herbeiführung der Chancengleichheit


Schulen, die mit fachlich qualifizierten Lehrkräften den Förderschwerpunkt Sprache anbieten, verfolgen in der Regel den berufsqualifizierenden Bildungsgang der allgemeinen Schule und verstehen sich als Durchgangsschulen mit dem Ziel, durch intensive unterrichtliche und  sprachheilpädagogische Maßnahmen möglichst rasch die Chancengleichheit bei der Rückschulung an die allgemeine Schule herzustellen.
Sprachheilschulen und Abteilungen Sprachheilschulen stellen in Hessen als anerkannte Formen des allgemeinen Schulsystems die gezielte fachliche Förderung von Schülerinnen und Schüler mit gravierenden Sprachbeeinträchtigungen sicher und gewähren qualifizierte Schulabschlüsse.
Sie werden in Hessen von vielen Eltern im Sinne einer Angebotsschule zum Schuleintritt gezielt gewählt und erfreuen sich einer hohen Akzeptanz.
Besonders durch die hohe Rückschulungsquote während und nach der Grundschulzeit werden damit die Chancengleichheit und der Schulerfolg der betroffenen Schülerinnen und Schüler in der Regelschule deutlich erhöht.
Erfolgt diese Beschulung bereits frühzeitig, sind dies gemäß Artikel 5, Abs.4 der UN-Konvention besondere Maßnahmen, die zur Beschleunigung oder Herbeiführung der tatsächlichen Gleichberechtigung von Menschen mit Behinderungen erforderlich sind, und  nicht als Diskriminierung im Sinne dieses Übereinkommens gelten.
Gleiches gilt für die Beschulung von sprachbeeinträchtigten Schülerinnen und Schülern im Gemeinsamen Unterricht, sofern diese von ausgebildeten Sprachheilpädagoginnen und Sprachheilpädagogen in ausreichendem Umfang durchgeführt wird.


Fachspezifische Professionalität erhalten


Dafür fordert die dgs Hessen die Beibehaltung und den Ausbau entsprechender professioneller Qualifikationsstrukturen, d.h. durch fachspezifische Professuren an den Universitäten die
Studierbarkeit der Sprachheilpädagogik für Lehrkräfte aller Schularten in einem inklusiven Bildungssystem. Die dgs Hessen stimmt daher mit dem Verband der Sonderpädagogik e.V. (vds) überein, dass inklusive Pädagogik Professionalität braucht. Diese Professionalität zeigt sich in der fachspezifischen, wissenschaftlichen Qualifikation, präventiv Bedingungen zu erkennen, die die kindliche Sprachentwicklung gefährden können sowie Unterricht und Therapie so gestalten zu können, dass betroffenen Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen die Teilhabe an Erziehung und Bildung und am gesellschaftlichen Leben ermöglicht wird.


Inklusion benötigt Professionalität


Die dgs Hessen unterstützt alle Maßnahmen, die dazu führen, dass Kinder mit Sprachbeeinträchtigungen fachlich angemessen und individuell in ihrem sozialen Umfeld gefördert werden können.
Solange diese jedoch mit den tatsächlichen fachlichen und personellen Ressourcen im Bereich der Grundschulen und Schulen der Sekundarstufe 1 nicht übereinstimmen, ist das in Hessen erfolgreich ausgebaute und von der Elternschaft umfassend  akzeptierte differenzierte System der sprachheilpädagogischen Förderung weiterhin notwendig.


Sabine Wießner-Müller
Marc Rauber
Referat Schulische Förderung sprachbeeinträchtigter Kinder